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Kein islamisches Schwert in österreichischen Klassenzimmern

Seit 13 Jahren unterrichte ich als Quereinsteiger in einer Schule mit 99,9 Prozent Schülern und Schülerinnen mit muslimischen Zuwanderungsfamilien. Schüler und Schülerinnen, deren Familien aus über 20 Ländern nach Österreich gekommen sind. Die meisten haben die österreichische Staatsbürgerschaft, einige aber nicht. Der einzige Autochtone Österreicher über Generationen hinweg in der Klasse bin meistens ich. In den Pausen wird in allen möglichen Sprachen miteinander geredet, gestritten, gelacht. Die Schüler und Schülerinnen sind schlimm, brav, gelangweilt, aufgeweckt, interessiert wie alle, die mitten in der tiefsten Pubertät stecken. Der Mädchen Anteil beträgt ca. 90 Prozent, von denen geschätzte 70 Prozent eine Kopftuch als gelebte Religionspraxis tragen.

Wenn ich am Schulbeginn frage, warum diese Schule (eine islamisch konfessionelle Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht), gewählt wurde, höre ich die unterschiedlichsten Gründe:
„Ich möchte Kindergärtnerin werde“,
„ich möchte Apothekerin werden“
,
„ich möchte nur ein Jahr Pflichtschule abschließen und dann eine Lehre besuchen“.

So weit so normal. Ich höre aber auch: „In meiner alten Schule wurde ich von den Schülern gemobbt“.
„In meiner alten Schule beschimpften mich die Lehrer weil ich ein Kopftuch trage“.
„In meiner alten Schule wollten sie keine Ausländer“…- und das ist leider offensichtlich auch normal!

Vor solchen Schülerinnen, so will uns nun eine Kollegin in einem Buch, dass das unvermeidliche „Schwert des Muselmanen“ am Kovertext hat, weismachen, müssen wir uns ziemlich fürchten, weil diese immer „mehr“ wären! Hallo?? Nachdem man jahrelang den MuslimInnen systematisch vorgeworfen hat, sie würden wehleidig in einer „Opferrolle“ verharren, hat man nun diese selbst breit besetzt?

Da sollen gelernte PädagogInnen mit –zig Jahren Berufserfahrung auf einmal nicht mehr mit pubertären Machosprüchen halbstarker Burschen aus dem Arbeiter-Milieu zurechtkommen?
Da kennen allgemeingebildete, studierte Lehrkräfte nicht einmal die einfachsten Unterschieden zwischen Religion und Kultur? Ist tatsächlich das Wissen der Kollegen über die zweitgrößte Religion Österreichs noch immer auf „Karl May Niveau“?
Da werden die grundlegendsten Regeln der soziokulturellen Analyse, etwas was jeder Studierende bis zum Abwinken in der pädagogischen Ausbildung lernt (ich unterrichte auch auf einer Hochschule in der Lehrerausbildung) nicht mehr eingehalten?

Ja, auch an meiner Schule gibt es Probleme mit den Eltern. Die selben, die ich aus meiner Schulzeit von manchen Eltern meiner Mitschüler kannte. Man kümmerte sich nicht wirklich um die Schule, man nahm die Lehrer nicht ernst, man erschien trotz Aufforderung nicht in der Schule etc. etc.

In meinem dritten, eigentlich meinem ursprünglich erlernten Beruf, bin ich Musiktherapeut. Als ich anfing in verschiedenen Heimen der Caritas und in Landespflegeheimen zu arbeiten, begrüßte ich jeden dort arbeitenden Betreuer jedes mal mit Handschlag. Bis ich eines Tages hörte: „Bitte lass das mit dem dauernden Händeschütteln, das ist weder notwendig zum Begrüßen, noch sind wir das gewohnt“. Heute ist Händeschütteln auf einmal eine Staatsbürgerliche Pflicht, die Muslime angeblich verweigern?

Was soll uns nun dieses Buch eigentlich sagen? Dass die Kollegin eine bedauerlich negative Sicht auf ihren Beruf und die ihr anvertrauten Menschen hat? Dass es bestimmte Fortbildungen speziell für ältere, schon lange die Ausbildung abgeschlossen habende, Kollegen geben sollte, in denen man über den aktuellen Stand der Gesellschaftsstrukturen bescheid lernt? Dass ein zu langes Dasein im Lehrerberuf einen zu engen Tunnelblick erzeugt und man Gefahr läuft, die Wahrnehmung aus der eigenen, von was auch immer geprägten, Perspektive, für den Zustand Aller zu halten?

Ich unterrichte kein Fach, das den natürlichen Respekt vor Lehrern fördern würde, im Gegenteil, ich unterrichte Musik, klischeehaft das Schlimmste was man an einer islamischen Privatschule tun kann. Aber ich habe weder Probleme mit dem „ernst genommen werden“, noch einen Mangel an Respekt. Ich stelle mich den absurdesten pubertären Diskussionen, von Sexualität bis verkorksten einseitigen Anschauungen zur Weltpolitik. Es ist nicht anders als in meiner Schulzeit, selbe Fragen, selbe Diskussionen, nur waren da zb. nicht Burschen mit aus Unwissenheit über die Religion geborenen islamischen Größenphantasien sondern kleine Nazis, oder jedenfalls taten sie so, die andauern mit rechtsradikalen Statements provozieren wollten. Wir lösten alle diese Diskussionen gut auf in meiner Schulzeit und jetzt in meinem Unterricht.

Wissen sie mit welchem Schlüssel das damals meinen Lehrern und jetzt mir gelang und gelingt? Mit Respekt vor den Schülern und Schülerinnen, Respekt vor ihrer Identität, ihren Familien, dem Werden ihrer Ideen und ihrem Spiel mit Provokation und Wissensdurst, mit Respekt vor dem Wachsen ihres Verantwortungsgefühls und ihrer Persönlichkeit. Ich werde darüber kein Buch schreiben, es wird mich auch kein populistischer Verlag dazu einladen. Wahrscheinlich wird auch niemand über die vielfältigen lebendigen Schüler unserer Schule einen großen Artikel schrieben. Das ist ja langweilig. Und wo sollte man das Schwert im Titel unterbringen?

Gernot Galib Stanfel
Gernot Galib Stanfel

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Musiktherapeut
Gernot Galib Stanfel

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