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Das Mantra der Selbstbestimmung

Lange habe ich überlegt, was ich für aliter schreiben könnte. Viele Themen schwirrten durch meinen Kopf.

Sollte ich etwas über die Vorurteile und den alltäglichen Rassismus schreiben, dem sich schon meine Kinder im Kindergarten oder in der Schule ausgesetzt sehen?

Über das Leben als Muslima auf dem Land?
Über den Integrationsdruck, dem man ausgesetzt ist und die Gefahr, dass man sich dabei entweder selbst verliert, indem man versucht, sich zwanghaft anzupassen, oder dass man den erlebten Hass und die dadurch evozierten negativen Gefühle zu sehr an sich ran lässt und das eigene Herz dadurch krank wird.

Es ist sehr wichtig, dass wir über unsere Erlebnisse reden, um unseren Stimmen in der Mehrheitsgesellschaft Gehör zu verschaffen und auf den oft nicht wahrgenommenen oder ernst genommenen alltäglichen Rassismus aufmerksam zu machen.

Viel zu oft sind wir aufgrund negativer Schlagzeilen und bestehender Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft damit konfrontiert, unser Muslimsein, unsere muslimische Identität zu rechtfertigen. Sicherlich fallen einem jedem Muslim und einer jeden Muslima unzählige Beispiele ein. Wie Ferhat Özbay in seinem Artikel „Khalif auf Erden“ schreibt, so denke ich auch, dass es wichtig ist, dass wir uns aus den „Fesseln des Beurteilens, Debattierens und Reagierens lösen“. Denn auf Dauer ist es sehr zermürbend, sich immer und immer wieder für seine eigene Identität zu rechtfertigen.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Post von Amani Abu Zahra auf facebook gelesen, in dem sie darüber berichtete, dass eine Dame ihr nach einer Veranstaltung sagte, dass sie sich gerne von ihr davon überzeugen ließe, dass man als Muslima das Kopftuch aus freien Stücken trage. Amani Abu Zahra schrieb daraufhin, dass ihre Selbstbestimmung ihr auch erlaube, auf solche Fragen nicht zu antworten. Es sei nicht ihre Aufgabe, sich vor anderen Menschen zu rechtfertigen und ihnen jedes Mal Rede und Antwort zu stehen, warum sie das Kopftuch trage:

Nein, danke. Ist nicht mein Problem. Nicht mein Thema und nicht mein Maßstab. Sonst würde es ja wohl nicht >>selbstbestimmt<< heißen. Einfach mal aus dem Rahmen aussteigen, der mir und meinesgleichen gesteckt wird. Das empfinde ich als enorm wichtig. Sich das Recht zu nehmen, nicht darauf einzugehen.“

Genau darum geht es meiner Meinung nach. Viel zu oft sind wir mit Situationen konfrontiert, in denen wir uns gezwungen sehen, zu reagieren, uns zu rechtfertigen oder gar zu verteidigen. Doch wie wäre es, wenn wir einfach mal versuchen, aus diesem Kreislauf der Reaktion auszusteigen?

Wenn wir stattdessen Selbstbestimmung und Selbstrepräsentation zu unserem persönlichen Mantra werden lassen. Unser Glaube und der Quran können uns hierbei eine große Stütze sein. Ich denke, ich schreibe über dieses Thema, weil es unter anderem auch für mich selbst sehr bedeutsam ist. Ich komme aus einer eher zerrütteten Familie und als Kind habe ich irgendwann gelernt, dass ich durch Leistung die erwünschte Aufmerksamkeit bekomme. In einer Leistungsgesellschaft wie der unseren eine durchaus logische Schlussfolgerung. Das Problem dabei ist, dass man auch leicht die Verbindung zu sich selbst verliert, weil man sich abhängig von der Meinung, der Beurteilung und Bestätigung anderer macht.

Generell denke ich, dass wir Menschen dazu neigen bzw. unser Nafs dazu neigt, dass wir gerne von anderen geliebt, gelobt und geschätzt werden wollen. Bevor ich zum Islam konvertiert bin, haben sich meine Gedanken sehr oft damit beschäftigt, was andere von mir halten. Auch jetzt bin ich noch nicht immun gegen solche Gedanken. Aber unser Glaube und der Quran können uns dabei helfen, uns stark zu machen. Unser Glaube kann uns dabei helfen, selbstbestimmter zu werden. Das letzte Mal, als mich ein Verwandter auf meinen „orientalischen“ Kleidungsstil ansprach, habe ich mir Amani Abu Zahras Statement in Erinnerung gerufen, gelächelt und gesagt „Das ist eben mein neuer Stil.“

Veronika Nour Aqra

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